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I
Might Be Wrong
Es ist wie eine leise Ahnung. Wie das
Gefühl, dass sich etwas ändern, etwas bewegen muss.
Solch ein unbestimmtes, aber gleichsam unmissverständliches
Gefühl muss Charlotte Salomon angetrieben haben. Als
sie um ihr Leben zeichnete, als sie ihre eigene Geschichte
zwischen Ja und Nein zu Papier brachte und ihre Welt
in Frage stellte. Salomon starb früh; viel zu früh,
um die Antworten für sich zu finden. Und das, was von
ihrem inneren Kampf, ihrer leisen Vorahnung und dem
ewigen Nichtankommen Bände spricht, ist in "Leben oder
Theater" nachzuempfinden. Es ist ein zeichnerisches
Theaterstück oder - wie sie es selbst nannte - ein Singspiel,
das in seiner Dramatik und Intimität weder fass- noch
beschreibbar ist. Es sind die Stimmungen jener Bilder,
die nicht mehr loslassen.
"We circle the yes, we strike the no, we struggle for
maybe - we do nothing at all" heißt es in dem Refrain
eines Songs von I Might Be Wrong. Ein Song, der nicht
auf dem neuen Album der Berliner zu hören ist. Weil
alles nur um diese Worte kreiste, diesen Zustand jener
Zeilen von Sängerin Lisa von Billerbeck - mehr gab es
nicht hinzuzufügen. Der Song wurde nie fertig, ist zugleich
aber Dreh- und Angelpunkt von "Circle The Yes". Denn
dieses Album erzählt von einem Zustand, der verängstigt
und ermutigt, der kreischt und schweigt, der wahnsinnig
und glücklich zugleich macht: Man kommt dem Ja immer
näher, aber niemals zum Greifen nah. Es bleibt immer
in der Ferne, wie nah es auch ist. Man versucht es wieder
und wieder fassen, sich von neuem zu nähern, wähnt sich
kurz vor dem Ziel, bis einem die Distanz wie Schuppen
von den Augen fällt. Die Sinnsuche im eigenen Loop.
Von diesem Zustand singt Lisa von Billerbeck mit belegter
Zunge, fiebrigem Kopf und aufgewühltem Herzen. Und ihre
Band, die als solche im letzten Jahr vehement zwischen
Ja und Nein, zwischen Zusammenfall und -halt schwankte,
vertont diese Geschichte, dieses Singspiel so rührend
mit. Denn I Might Be Wrong kratzten an ihrer Essenz,
kippten vor und zurück, gingen Schritt für Schritt an
Grenzen und Eingemachtes. Nun sind sie eins. Nach all
dem Wankelmut ist diese Band sicher nicht am Ziel, aber
doch auf einer neuen Ebene, inmitten einer anderen Stimmung
und inneren Spannung, die sie gemeinsam vorwärts Richtung
Neuland treibt. Kein überstrapaziertes Klickerklacker,
weniger beiläufiger Knisterkram und viel mehr von jedem
Teil des Ganzen, diesem kreativen Gemeinschaftskosmos,
in dem sich in den letzten zwei Jahren so viel gedreht
hat. Man stelle sich vor, dass Feist die Schlechtwetterfront
bei Delbo durchbricht oder Cat Power The Album Leaf
wach küsst und in eine noch fantastischere Traumlandschaft
schickt. Unentschlossen, gänzlich verloren oder zwischen
den Stühlen? Nein, hier schließt sich ein Kreis zum
Guten. "Circle The Yes" ist ein Sing- und Sinnspiel,
das in seiner Intensität weder fassbar noch mit Worten
zu beschreiben ist. Vielmehr sind es die Bilder, die
hier mit jeder Melodie und jeder Silbe gezeichnet werden.
Unmissverständlich, berührend und immer mit dieser leisen
Ahnung.
Links
http://www.imightbewrong.de/
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